CeBIT 2010 ohne Navihersteller

Geschrieben am 1 Februar 2010  von Gerhard Bauer

[Update vom 2.2.2010: Zu dieser Meldung hat uns wenige Stunden nach der Veröffentlichung Herr Hartwig von Saß, Leiter Kommunikation der Deutschen Messe AG, kontaktiert. Wir haben an den von ihm reklamierten Stellen entsprechende Anmerkungen gemacht.]

In den letzten Jahren ist immer wieder vorgekommen, dass einzelne Hersteller von Navigationsgeräten der CeBIT in Hannover ferngeblieben sind. 2010 lohnt sich der Besuch der weltgrößten Computermesse für Navi-Anwender und -Interessenten noch weniger: TomTom, Garmin und Navigon sowie Falk und Becker (bzw. United Navigation) werden der Computermessse fernbleiben. Lediglich TomTom will seine Work-Sparte auf einen winzigen Stand schicken und Navigon wird seine iPhone-App bei der T-Mobile präsentieren.

Die Verweigerungshaltung hat mehrere Gründe:

  • Ein Messestand verursacht enorme Kosten. Nicht nur für die Standfläche und den Messebau, sondern auch für das dort arbeitende Personal, einschließlich der Übernachtungskosten und des „Verdienstausfalls“ für die Zeit, in der die Mitarbeiter eigentlich im Büro arbeiten sollten. Ein Stand muss nicht sehr groß sein, um Gesamtkosten in Höhe von 200.000 bis 300.000 Euro zu erzeugen. Trotz gegenteiliger Beteuerungen haben sich die Hotels in Hannover nicht auf akzeptable Zimmerpreise verständigt: Sogar die billigsten Zwei-Sterne-Hotels kosten zur Messe um die 200 Euro pro Nacht. Das ist schon eine Verbesserung gegenüber den letzten Jahren, denn beispielsweise 2001 wurden Preise von 500 Euro pro Nacht und Zimmer in Mittelklassehotels noch schulterzuckend akzeptiert.
    [Die Deutsche Messe AG hat mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband eine Vereinbarung geschlossen, dass Hotels 30 Prozent ihrer Übernachtungskapazität zu fairen Preisen anbieten müssen. Dieser Preis berechnet sich aus der Entfernung zum Messegelände und der Kategorie des Hotels. Wenn Sie jemanden kennen, der in den letzten zwei Jahren diese fairen Preise angeboten bekam, melden Sie sich bitte bei uns.]
  • Schlechte Infrastruktur: Dass die Navihersteller in den letzten Jahren bei der Standvergabe oft nur schlecht behandelt wurden und in Hallen landeten, in denen das beste Navi keinen GPS-Kontakt erhalten kann, hat zur negativen Grundeinstellung sicher beigetragen. Es wäre relativ einfach gewesen, GPS-Repeater in ein, zwei Hallen zu installieren, aber das wäre Arbeit des Veranstalters gewesen. [Ups, stimmt, hier haben wir einen Fehler gemacht: Im letzten Jahr gab es in den Navi- und Telematik-Hallen 14 und 15 tatsächlich Repeater, und da hat auch im Gegensatz zu den Vorjahren kein Aussteller geklagt.]
  • Der Zeitpunkt ist für die Branche schlecht. Die Navibranche hat zwei „Hauptverkaufszeiten“, das ist vor der sommerlichen Urlaubs- bzw. Feriensaison und dann wieder zu Weihnachten. Die CeBIT in der ersten Märzwoche kommt für Neuvorstellungen, die zum Sommer im Handel sein sollten, viel zu früh. Das bedeutet, dass es auf der CeBIT keine richtigen Neuheiten zu sehen gäbe, und dann lohnt sich der Aufwand natürlich noch weniger.
  • Die Besucherstruktur ist unvorteilhaft. Der Messeveranstalter rühmt sich, jedes Jahr einen noch höheren Anteil an Fachbesuchern auf die CeBIT zu locken – mittlerweile nähert man sich schon der „Über-100-Prozent“-Marke. Das mag für Anbieter „großer Informationstechnologie“ wie IBM, Sun oder Fujitsu klasse sein, Navis werden aber von normalen Menschen gekauft. An die Erfolge der Neunziger mit 700.000 bis über 800.000 Besuchern kann die Messe sowieso nicht mehr anknüpfen: 2009 war man noch um 400.000 froh, und die sind auch nur gekommen, weil in einigen Computerzeitschriften Freikarten beigeklebt waren und Schulklassen vormittags kostenlos reinkamen.

    [Dieser Absatz ist uns vielleicht ein wenig zu polemisch geraten, deswegen hier die Berichtigung: Der Veranstalter legt Wert darauf, dass Schulklassen nicht kostenlos ins Messegelände dürfen. Die vielen Schulklassen, über die man sich die letzten Jahre wundern konnte, vom Informatik-Leistungskurs bis zur Realschul-Abschlussklasse kommen nicht gratis, sondern mit Fachbesuchertickets auf das Messegelände. Herr von Saß schreibt „Unsere Aussteller haben – abhängig von der belegten Fläche – die Möglichkeit, eine bestimmte Anzahl von Fachbesuchertickets bei uns zu bestellen, für die sie auch zahlen.“ Nun ist es so, dass jeder Aussteller einen sogenannten Marketingbeitrag von 39 Euro pro Quadratmeter Standfläche bezahlen muss. Dieser beinhaltet pro Quadratmeter 20 für den Aussteller kostenlose Fachbesuchertickets. Mit einem Stand von 16 Quadratmeter erhält ein Aussteller also maximal 320 Fachbesuchereintrittskarten, die er im Regelfall nicht verfallen lassen wird. Bucht man ein Komplettpaket aus Fläche und Standbau, erhält man pauschal 500 Fachbesuchertickets kostenlos. Zwei solcher Fachbesuchertickets gibt’s auf Ebay momentan für einen Euro. Verglichen mit den 38 Euro für eine reguläre Tageskarte ist das ein nicht unerheblicher Unterschied. Besonders fein für den Veranstalter: Offiziell sind diese Tickets verkauft, können also voll zu den zahlenden Besuchern gezählt werden.

  • Der normale Handel hat mit Navis fast nichts mehr am Hut. Nicht zuletzt durch die zahlreichen Sonderaktionen großer Elektronikketten und den Erfolg der Internethändler gibt es fast keine richtigen Fachhändler für Navigationsgeräte mehr. Die wenigen verbliebenen halten sich über Wasser durch Spezialgeräte, beispielsweise für den Outdoorbereich sowie die See- oder Luftfahrt, für die gibt’s aber wiederum Spezialmessen.

Die Deutsche Messe AG ist den Ausstellern auch ein wenig entgegengekommen: Statt von zuletzt Dienstag bis einschließlich Sonntag endet die 2010er CeBIT jetzt schon am Samstag. Im letzten Jahr haben etliche kleine ausländische Aussteller nach einem vollkommen belanglosen Samstag schon am Samstagabend ihren Stand abgebaut, und dem will man mit dieser Verkürzung zuvorkommen. Außerdem werden so auch die Kosten reduziert: Fünf Tage Messe werden etwas billiger als sechs Tage – wenn auch nicht sehr viel billiger, denn die immensen Fixkosten für Standbau und Co. werden ja nicht weniger. Außerdem wurde schon in den Vorjahren von vielen Ständen das Fachpersonal zum Wochenende abgezogen und durch angelernte ortsansässige und dadurch billige Promotoren ersetzt.

„Jetzt ein König“ dachten sich die Messeveranstalter und gewannen Spanien als diesjähriges Partnerland für die CeBIT. Der Eröffnungsrundgang von Bundeskanzlerin Angela Merkel und einem Mitglied des spanischen Königshauses wird am ersten Messetag stattfinden. Aus Sicht der eher Science-Fiction-lastigen Computerfreaks dürfte nach Kalifornien und Gouverneur-Terminator Arnold Schwarzenegger auch ein echter König keine Verbesserung darstellen. [Herr von Saß korrigiert, dass das Partnerland ausgewählt wird vom Präsidium des Branchenverbands Bitkom, in dem die großen deutschen Unternehmen vertreten sind. Bei der Auswahl werde man vom Marktpotenzial des jeweiligen Landes geleitet. Auch bei intensivem Überlegen fallen uns aber nicht viele große deutsche Unternehmen ein, die den spanischen IT-Markt überfluten können. Und in der Gegenrichtung gibt’s wahrscheinlich noch weniger.]

2010 schafft es die CeBIT nicht mehr, namhafte Navihersteller anzulocken. Die IFA steht dagegen (pünktlich zum Weihnachtsgeschäft) bei allen auf dem Terminplan.


Die Massen strömen nach Hannover auf die CeBIT. Spaß macht das Event mittlerweile aber nicht mehr. Für die Navi-Hersteller gilt das erst recht.



Den CeBIT-Nachbericht finden sie hier.