CeBIT 2010: Top oder Flop?

Geschrieben am 8 März 2010  von Gerhard Bauer

Die CeBIT 2010 ist vorbei, und wie jedes Jahr schreibt der Veranstalter, die Deutsche Messe AG, dass diese CeBIT wieder ein herausragender Erfolg gewesen wäre.

Wie wir bereits berichteten, wurde die Messe diesmal von der Navigationsbranche weitgehend ignoriert. Sogar professionelle Galileo-Zulieferer verzichteten auf die übliche Selbstdarstellung, weil sie mittlerweile begriffen haben, dass die Realisierung von Galileo noch viel zu lange dauern wird. Und praktisch alles, was mit Galileo funktionieren soll, läuft mit GPS ja genauso.

Echte Sensationen gab es auf der CeBIT nicht. Das verwundert nicht, denn die Größen der Branche wie Intel, Microsoft oder auch Apple orientieren sich immer weniger an der CeBIT. In den letzten Jahren hat die CeBIT ihren Status als Leitmesse für IT und Telekommunikation verloren – an die CES (Consumer Electronics Show in Las Vegas in der ersten Januar-Woche), den Mobile World Congress (Handy-Fachmesse im Februar in Barcelona) und die IFA (die Internationale Funk-Ausstellung Ende August in Berlin). Bemerkenswerterweise behandeln alle Konkurrenzveranstaltungen praktisch nur Consumerprodukte: PCs in jeder Form (vorzugsweise tragbar), Handy, Fernseher, Blue-Ray, Spiele, MP3 etc. Und Navigation natürlich, sorry.

Die CeBIT versuchte stattdessen in diesem Jahr, die Consumer anzulocken mit Musikevents in einer eigenen 22. Von den ab 20 Uhr auftretenden Bands „Die Sterne“, „Timid Tiger“ und „The Boss Hoss“ haben Sie noch nie was gehört? Abgesehen von ein paar Hardcore-Fans, die freiwillig bis zum Konzertbeginn warteten, sonst auch niemand. Tagsüber konnten die Besucher dafür spannenden Diskussionsrunden zuhören, in denen sich Manager der Musikindustrie gegenseitig befragten, wie sie mit der Gefahr durch das Internet (im Volksmund „Raubkopien“) umgehen sollten.

Diese Extra-Veranstaltung war noch sinnloser als „Digital Living“, der Blick ins elektronische Wohnzimmer im Jahr der CeBIT 2006. Eigentlich hatten wir damals schon geglaubt, die Messe hätte ihren intellektuellen Tiefpunkt erreicht, aber leider haben wir uns geirrt, wie 2010 deutlich gezeigt hat.

Consumer oder nicht Consumer – das ist hier die Frage

Will die Messe nun die Consumer oder will sie sie nicht? Im Jahr 2007 versprach der Veranstaltungs-Chef direkt nach der CeBIT, die Messe komplett zu reformieren und endlich wieder eine richtige Profimesse abhalten zu wollen. Man will also deutlich mehr Fachbesucher und erheblich weniger Sammler von Luftballons im Handy-Design. Jetzt dämmert der gleichen Person, dass „viele Innovationen im professionellen Bereich … vom Verbraucher getrieben“ werden. Die Konsumenten sollen 2011 wieder auf die Messe gezogen werden, unter anderem mit Hilfe der Sonderveranstaltung „CeBIT life“, von der wir erwarten, dass sie nichts anderes sein wird als „Digital Living“ vor fünf Jahren. Die anderen Teile sind CeBIT pro für professionelle Anwender, CeBIT gov für Behörden und öffentliche Einrichtungen und CeBIT lab für Forschung und Wissenschaft.

Die Besucherzahlen der CeBIT 2009 und der CeBIT 2010 darf man nicht direkt vergleichen, weil beide Veranstaltungen unterschiedlich lange gedauert haben. Beide begannen zwar an einem Dienstag, 2009 dauerte die Messe aber noch sechs Tage und jetzt nur noch fünf.

2010 fanden 334.000 Besucher den Weg auf das weltgrößte Messegelände. Das sind laut Veranstalter 12.000 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Der Veranstalter weist das als Erfolg aus.

Das muss so aber nicht richtig sein.

2009 hatte die CeBIT an den ersten fünf Tagen 322.000 Besucher (entsprechend 334.000 – 12.000). Weil 2009 aber insgesamt „rund 400.000 Besucher“ (Zitat Deutsche Messe) kamen, müssten am Sonntag 2009 mindestens 78.000 Besucher gekommen sein.

Wie groß war nun der Anteil von Leuten, die im letzten Jahr am Sonntag kamen und 2010 am Samstag die CeBIT besuchen mussten? Schätzen wir den Anteil auf 50 Prozent, dann würde das bedeuten, dass die CeBIT an den Profi-Besuchstagen Dienstag bis Freitag einen deutlichen Besucherrückgang zu verzeichnen hatte. Den Ausstellern und dem Veranstalter ist das aber völlig egal, weil jetzt ja auch die Consumer wieder willkommen sind. Hosianna.

Schaut man sich die nackten Zahlen an, fehlen gegenüber dem Vorjahr fast 70.000 Besucher. Basta.

Die Trends der CeBIT 2010

LTE oder Long Term Evolution: Der nächste Standard für drahtlose Datenübertragung, wenn UMTS inklusive der Beschleuniger HSDPA und HSUPA nicht mehr weiter auszureizen ist. Wird innerhalb der nächsten Jahre zur DSL-Alternative. Aber nur unter der Voraussetzung, dass die dafür erforderlichen zahlreichen weiteren Mobilfunkmasten ungestört aufgestellt werden können.

Cloud Computing: Das Auslagern von Daten und Rechenleistung auf externe Computernetzwerke. Wird als einer der größten Flopps in die Geschichte der Computerindustrie eingehen, sobald die IT-Verantwortlichen begreifen, dass es auf der Internetstrecke keinen sicheren Datenschutz zwischen dem Besitzer der Daten und der Cloud gibt. Egal, ob es sich um Daten handelt von privaten Kreditkarten oder von Schweizer Bankkonten: Sobald sie nicht mehr im unmittelbaren Einflussbereich liegen, werden sie zwar nicht gestohlen, aber frei kopiert.

Miniaturisierte Videobeamer: Damit könnte man Handyfilmchen und -fotos einer mittelgroßen Gruppe zeigen. Wird nichts, weil die Leute, die darauf scharf wären, nicht so viele Freunde haben. Schnell wird die Zielgruppe entdecken, dass ein Miniatur-Beamer eine echt coole bunte Taschenlampe ist. Nach ihrer Privatinsolvenz wird die gleiche Zielgruppe entdecken, dass es auch billigere Taschenlampen gibt.

3D-Technik: Filme und Computerspiele zuhause dreidimensional. Optimal, wenn Sie gerne mit einer albern großen Sonnenbrille fernsehen wollen.

Die CeBIT 2011

Die nächste CeBIT findet statt von 1. bis 5. März 2011, also erneut von Dienstag bis Samstag. Die Themenbereiche pro, gov, lab und life sollen den negativen Besuchertrend umkehren. Schauen wir mal, ob sie es schaffen.

Bitte denken Sie nicht, dass wir in Bezug auf die Marktchancen der Trends dieser CeBIT technikfeindlich wären. Über 20 Jahre Erfahrung in der Computer- und Kommunikationsbranche haben uns gezeigt, dass nur die wenigsten neuen Produkte wirklich sinnvoll sind. Denken Sie immer daran: Die meisten neuen Produkte werden erfunden, um sie uns zu verkaufen. Und nicht, weil man sie brauchen würde.