Zukunftstrend: Micro-Navigation via WLAN

Geschrieben am 16 Juni 2010  von Gerhard Bauer

„Die Navigation via GPS oder später auch Galileo ist unzureichend. Zu langsam nach dem Einschalten, zu ungenau und in Gebäuden grundsätzlich unbrauchbar.“ Sagen zumindest einige Firmen.

Der neueste Trend ist die Positionsbestimmung über die Auswertung drahtloser Netzwerke. Das funktioniert natürlich nur in sehr dicht besiedelten Gebieten mit vielen WLANs, auf dem Land gibt’s einfach nicht genug Netzwerke zum Anpeilen. Das im April von Nokia vorgestellte „N8“ wird bereits offen mit einer Positionsbestimmung via WLAN beworben (noch ohne zu sagen, wie das realisiert werden soll – dazu aber später mehr), und dieser Hersteller wird definitiv nicht der einzige bleiben. Immer mehr Unternehmen bereiten ihre Produkte auf die Positionsbestimmung über die Auswertung von WLAN-Informationen vor.

BMW beispielsweise hat einen auto-zentrierten Ansatz: Hier denkt man vorzugsweise an die Navigation in Tiefgaragen oder Parkhäusern. Weil in diesen Umgebungen natürlich weder GPS noch Galileo oder andere Satelliten empfangen werden können, greift dieser Hersteller auf WLAN-Sender zurück: Jede WLAN-Basisstation sendet mit der Netzwerkkennung, der BSSID und seiner MAC-Adresse eine individuelle Information. Wenn man diese Informationen in eine Karte einträgt und sie dann vergleicht mit den aktuell empfangenen WLAN-Stationen, kann man ziemlich genau den Standort ermitteln.

Dazu müssen die WLANs dieses Planeten aber erst mal erfasst werden, und das ist genau die Tätigkeit, bei der die Google-StreetView-Fahrzeuge Anfang des Jahres erwischt wurden. Diese sind durch die Straßen Deutschlands gefahren, haben die Straßen und Häuser fotografiert und offene WLANs protokolliert. Das ist in Deutschland aber richtig streng verboten: Aktuell wird Google der Bruch des Paragrafen 202 des Strafgesetzbuchs, der Paragrafen 89 und 148 des Telekommunikationsgesetzes sowie der Paragrafen 43 und 44 des Bundesdatenschutzgesetzes vorgeworfen. Auch andere Länder Europas reagierten verschnupft und Google wurde von fast jeder europäischen Regierung aufgefordert, die gesammelten Daten zu vernichten oder herauszugeben. Bis Google die GPS-lose Navigation realisieren kann, wird es also noch ein wenig dauern.

Anders ist die Lage bei BMW und den anderen Firmen, die die Kontrolle über ihre eigenen WLANs haben, beispielsweise die Betreiber von Einkaufszentren, die ihre Besucher via Micro-Navigation zu den einzelnen Shops leiten wollen. Möglich wäre sogar die Installation spezieller WLAN-Stationen als „Peilsender“, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass man über sie auch Daten austauschen kann. (Damit wären wir dann wieder bei Location Based Services gelandet, den „standortabhängigen Verbraucherinformationen“, einschließlich eines selbst kontrollierten Verbreitungswegs für die Informationen.) Weil es sich um eigene Funknetze handelt, wird das legal sein.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte vor über neun Jahren bereits Eyeled, ein deutsches Startup, dessen Geräte über eine Matrix aus selbst aufgestellten Bluetooth- und WLAN-Richtsendern seinen Standort in einem Museum exakt ermitteln konnte und dann kontextabhängige Erläuterungen zu den einzelnen Exponaten abspielte.

Die Google-Falle

„Wir haben es verpatzt“, so Google-Chef Eric Schmidt, zur amerikanischen Financial Times. Scheinbar hat das US-Unternehmen nicht eher realisiert, dass die Europäer manchmal ein wenig besorgt sind über ihre Privatsphäre. Auf dem alten Kontinent bekommt nicht jeder so viele Schusswaffen wie er will, stattdessen wacht Vater Staat mit Gesetzen über die persönliche genauso wie die IT- und die TK-Privatsphäre des Einzelnen.

Anscheinend hat Google zusätzlich den Fehler gemacht, teilweise den Datenverkehr zwischen PCs oder anderen Endgeräten und den WLAN-Basisstationen zu protokollieren, was sicherlich der schlimmste anzunehmende Fall sein dürfte. Aber schon das „Ausspähen“ von Daten, die nicht für ihn bestimmt sind (und das dürfte schon das Lesen der MAC-Adresse sein), ist ein Verstoß gegen fast alle oben genannten Paragrafen. Nach § 43 II Nr. 3 des BDSG beträgt die Strafe bis zu 300.000 Euro. Sie soll aber so hoch sein, dass sie den wirtschaftlichen Nutzen der Ordnungswidrigkeit übersteigt, darf also auch weit darüber angesetzt werden! (Dass Google gleichzeitig ein Disziplinarverfahren gegen den verantwortlichen Entwicklungsingenieur eingeleitet hat, darf ruhig als Bauernopfer gewertet werden.)

Dem Amerikaner an sich sind diese Aspekte europäischen Rechts anscheinend relativ egal, wie das in Boston beheimatete Unternehmen Skyhook Wireless zeigt. Diese Firma bezeichnet sich selbst als Markt- und Technologieführer im Bereich Positionsbestimmung per WLAN. Scheinbar hat es ein paar Wissensvorsprünge gegenüber Google beim Auswerten der WLAN-Daten, wird in Europa aber an den gleichen Gesetzen kläglich scheitern.

Fazit

Die Standortbestimmung über die Auswertung von WLAN-Daten funktioniert, darum machen es jetzt einige Unternehmen. Scheinbar hat sich aber kein einziges Gedanken gemacht, ob man das auch darf. Nach aktuellen Gesetzen wird Micro-Navigation via WLAN-Auswertung in fast ganz Europa nicht möglich sein, weil schon das Sammeln der erforderlichen Daten nicht erlaubt ist. Die einzige Ausnahme sind kleine, speziell ausgewiesene Bereiche wie beispielsweise Flughäfen oder Einkaufszentren, in denen man auch über grundsätzlich andere Möglichkeiten In-House-Navigation realisieren könnte. Vielleicht sogar auf die ganz altmodische Art und Weise mit Schildern und Wegweisern.