Achtung: Angebote auf Sonderziel-Eintragung

Geschrieben am 19 Oktober 2010  von Gerhard Bauer

Regelmäßig erhalten deutsche Unternehmen E-Mails von einem Unternehmen namens NaviPro oder NaviPro-GPS mit dem Angebot, das Ladenlokal, den Firmensitz oder die Niederlassung als POI (Sonderziel) in Navigationsgeräten und navitauglichen Handys „sichtbar zu machen“. Für diese Serviceleistung sollen die Kunden pro Jahr zwischen 69 und knapp 400 Euro bezahlen, jeweils zuzüglich Mehrwertsteuer.

Mit anderen Worten: Wenn Sie jedes Jahr diesen Betrag bezahlen, nimmt NaviPro Ihre Daten, steckt sie in eine herunterladbare POI-Datei und bietet diese von den Internetseiten
www.downloadpoi.com/de
www.naviprogps.de
www.richpoi.com
www.smartpoi.com
www.gpsadvertisement.com
www.downloadrichpoi.com
zum kostenlosen Download an.

„Ihr Firmenschild und Logo könnte von bis zu 15 Millionen Menschen gesehen werden – und das jeden Tag!“ wirbt die in Berlin als „haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft“ eingetragene Firma. Das stimmt aber nur, wenn die genannten 15 Millionen Navi-Anwender auch tatsächlich die POI-Dateien von einer der oben aufgezählten Internetadressen herunterladen.


Die uns angebotene Eintragung ins Sonderziel-Register sollte als Sonderangebot nur 69 Euro kosten. (Klicken zum Vergrößern)


NaviPro nutzt keine Möglichkeit, die bezahlten Sonderziel-Infos direkt im Kartenmaterial bei Tele Atlas oder Navteq einzutragen. Nur auf diesem Weg würde man in einem absehbaren Zeitraum die genannten 15 Millionen Navigations-Anwender erreichen. Diese in der Werbung genannte Nutzerzahl hat deswegen mit der Realität nichts zu tun. Tatsächlich arbeitet NaviPro nicht mal mit einer „unsicheren“ Möglichkeit zur Zählung der Downloads, geschweige denn mit einer anerkannten wie beispielsweise der IVW. Das Unternehmen kann also definitiv keine vertrauenswürdige bzw. sichere Auskunft geben, wie oft die POI-Daten überhaupt herunter geladen und genutzt werden. Die Aussage „15 Millionen Menschen könnten Ihr Firmenschild und Ihr Logo sehen“ ist also genauso zutreffend wie „5 Milliarden Menschen könnten Sie als Alleinerben einsetzen“.

Inhalt der Sonderzieldatenbanken

Wir haben die Sonderzieldatenbanken getestet auf einem TomTom Go 940 Live. Man findet in der momentan aktuellsten Datenbank vom September 2010 die folgenden Einträge:

  • Auto, Motorrad: Wir finden 48 Einträge, von denen der nächste 143 Kilometer von München entfernt ist und der weiteste in Berlin-Weißensee liegt. In Berlin konnte NaviPro natürlich leicht Kunden gewinnen.

  • Bäder: Wir finden genau einen Eintrag, nämlich die Therme Lenti in Ungarn.
  • Bau, Heimwerker: 17 Einträge, die in Luckenwalde beginnen und in Berlin enden. Meist handelt es sich um Handwerksfirmen, einige können wir nicht zuordnen.
  • Bekleidung: Wir finden je ein Brautmoden- und Schuhgeschäft.
  • Dienstleistung: Sieben Einträge, vom Fotostudio bis zum Anwaltsbüro.
  • Einkauf: Blumen, Brillen, Fahrräder, Spiele und vieles mehr. Das Gerät zeigt 48 Einträge an, das ist die technische Obergrenze für TomTom-Navis, das nächste liegt aber in Köln und die nächsten in Berlin. Sehr viel mehr als diese 48 dürfte es deswegen nicht geben.
  • Entspannung, Sport: 21 Einträge, beginnend bei einem Münchner Studio für Selbstverteidigung, aber das nächste Ziel liegt dann gleich südlich von Berlin.
  • Finanzen: Versicherungs- und Finanzberater. 11 Einträge. Obwohl wir rund um München suchen, liegt die nächste Adresse direkt am Wannsee.
  • Gesundheitswesen: Eine Münchner Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin, der nächste Eintrag rund um München liegt dann schon in Erfurt.
  • Getränke: Unter diesem Oberbegriff finden wir Weinhändler, Getränkemärkte, Cafés, Restaurants und Bars rund um Berlin.
  • Immobilienvermittlung: Ein Hotel- und Apartmenthaus in Berlin-Tegel.
  • Parkhaus, Parkplatz: 6 Adressen in Berlin.
  • Reisebüro: Von München der nächste der 15 Einträge liegt am Hohenzollerndamm in Berlin.
  • Schönheit, Gesundheit: Sonnenstudios, Kosmetiksalons, Nagelstudios, und, und, und. Unser TomTom-Testgerät kann technisch bedingt nur 48 Einträge anzeigen. Von München aus liegt das nächste gleich hinter der österreichisch-ungarischen Grenze.
  • Service: 4 Einträge, darunter einen Nokia-Service-Shop und einen Handy-Reparaturservice.
  • Sonstiges: Ein Luftfahrtunternehmen bei Mannheim, das Hangar-2-Event-Center in Berlin-Tempelhof, eine Videoproduktionsfirma und ein Hotel mit Steakhaus.
  • Speisen: Hier war der Anbieter scheinbar rühriger, denn der von München aus nächste Eintrag ist nur 38 Kilometer weit entfernt. Nach einigen ungarischen Einträgen liegen die entferntesten angezeigten in Berlin.
  • Technische Artikel: 25 Einträge, unter anderem mit dem Elektronikhändler MediMax und anderen Computer- und -zubehöranbietern.
  • Unterhaltung: Neun Automatencasinos und Spielotheken, alle in Berlin.
  • Unterkunft: Sogar fünf Einträge aus München warten auf uns. Scheinbar war NaviPro auch außerhalb Berlins erfolgreich. Unser TomTom kann maximal 48 Einträge anzeigen, der Dichte an Sonderzielen tippen wir auf knapp 150 bis 200 Ziele in der Deutschlandkarte, von denen die meisten aber sowieso im regulären Kartenmaterial kostenlos enthalten sind oder sich kostenlos eintragen könnten.

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Argumente von NaviPro

NaviPro sagt, bis zu 15 Millionen Navigations-Anwender könnten die Anzeige sehen. Tatsächlich können nur diejenigen Navigations-Anwender die Einträge sehen und nutzen, die von den sechs Internetseiten die Sonderziel-Dateien herunterladen und sich auf das Navi übertragen. Wie viele das sind, gibt NaviPro nicht bekannt, es könnten theoretisch hunderttausend oder auch nur fünf oder auch gar keiner sein. Ohne konkreten Nachweis, wie viele Anwender diese Daten wirklich nutzen, ist das Angebot die E-Mail nicht wert. Unserer Meinung nach lohnt sich der Download der Sonderziel-Daten nicht, weil sie sogar bei optimistischer Schätzung nur etwa 400 deutsche Ziele beinhalten und sehr nachlässig gepflegt sind.

NaviPro sagt, sie seien offizieller Rich-POI-Inhaltslieferer. Das ist leider richtig, denn bei Garmin USA wird das jeder, der das Content Tool Kit zum Anlegen von Sonderzielen kauft. Die Verwendung des Logos „Authorized Garmin Partner“ wurde aus heute nicht nachvollziehbaren Gründen schriftlich von Garmin USA gestattet. Sowohl der Titel als auch das Logo sagt jedoch nichts aus über die Qualität des konkreten Angebots. Garmin Deutschland steht mit NaviPro in keiner Verbindung.

Die Verbraucherzentralen und Industrie- und Handelskammern bezeichnen die mittlerweile bekannten „Angebote auf Eintragung in Internet- oder Firmenregister“ als Abzocke unbedarfter Kunden. Es liegt nahe, das Angebot von NaviPro genauso zu bezeichnen.

Jeder, der einen POI kennt, besitzt, leitet oder sonstwie mit diesem in Verbindung steht, darf diesen kostenlos an die beiden Kartenanbieter Navteq und Tele Atlas melden. Auf den Internetseiten www.navteq.com und www.teleatlas.com stehen dazu auch in deutscher Sprache recht komfortable Funktionen zur Verfügung. Diese direkten Eingaben ins Kartenmaterial erreichen garantiert alle Anwender von Navigationssystemen und -anwendungen für Handys. Denn die auf diese Weise gemeldeten Sonderziele sind fest ins Kartenmaterial eingefügt, so dass der Anwender sie nicht von irgendwoher downloaden oder auf andere Weise ins Navi integrieren muss.