Sat-Hersteller-Chef: Galileo ist Unsinn

Geschrieben am 17 Januar 2011  von Gerhard Bauer

Berry Smutny war bis 17. Januar 2011 CEO des deutschen Satellitenherstellers OHB in Bremen. Heute wurde er vom Aufsichtsrat gefeuert, weil er in der US-Botschaft in Berlin seine offene und unverblümte Meinung über das europäische Satellitennavigationssystem Galileo gesagt hat:

Das Zitat „Galileo ist eine von französischen Interessen getriebene Verschwendung von EU-Steuergeldern“ fasst die Meinung des bisherigen Chefs von OHB wohl am besten zusammen. Er sollte sich mit der Materie auskennen, denn OHB ist nicht irgendeine Klitsche, sondern ein deutscher Satellitenbauer mit einem hervorragenden Ruf auf der ganzen Welt beziehungsweise in der ganzen Fachwelt. OHB hat u.a. von der Europäischen Kommission den Auftrag bekommen, die ersten 14 Galileosatelliten herzustellen.

Die Aussage von Berry Smutny stammt von einem geheimen Gespräch mit Mitarbeitern der US-Botschaft in Berlin. Ein entsprechender Bericht wurde von der Botschaft an das Auswärtige Amt in Washington geschickt, aber mit den Wikileaks-Veröffentlichungen der vergangenen Monate der Öffentlichkeit zugänglich.

Auch wenn Berry Smutny überraschend offen ist, so ist er kein Dummkopf: Gegenüber den Interviewern von der US-Botschaft meinte er, dass er beziehungsweise das von ihm geleitete Unternehmen OHB natürlich gerne Galileo-Aufträge ausführen würde.

Der extreme Wunsch der Franzosen nach einer Alternative zum US-amerikanischen GPS beruht auf einem Zwischenfall aus dem Kosovo-Krieg, als das US-Militär die Genauigkeit von GPS lokal manipulierte, was zur Fehlfunktion von französischem Kriegsgerät führte. Seitdem drängt Frankreich die restliche EU zu einem GPS-Standard, der frei ist von US-Technik. Die bittere Ironie hinter der Beteiligung deutscher Steuerzahler: Einige der französischen Raketen mit Kernwaffen sind nach wie vor auf Berlin ausgerichtet.

Weil das für Galileo eingeplante Geld sowieso nicht reicht (wir berichteten), wird die Zahl der Galileo-Satelliten von 28 bis 30 auf 22 Satelliten reduziert. Erst in der nächsten Haushaltsperiode wird man neues Geld einstellen, um Galileo vollenden zu können. Laut Smutny hat die Europäische Kommission die Kosten grob unterschätzt. Ursprünglich eingestellt waren 3,4 Milliarden Euro, die jetzt eben nur für einen Teil des Gesamtsystems reichen. Er meint ebenfalls, dass Branchenexperten die endgültigen Kosten auf 6,5 Milliarden Euro schätzen, nach seiner Meinung müsste man aber eher mit 10 Milliarden Euro rechnen.

Galileo geht noch weiter an den Wünschen der EU vorbei: Die ITAR (International Traffic in Arms) ist eine US-amerikanische Liste für die Produktion und den Handel mit Rüstungselementen. Frankreich wünscht, dass das Galileo-System mit Komponenten produziert wird, die nicht von den USA kontrolliert werden. Das ist aber gar nicht möglich, weil es auf dem freien Markt keine Bauelemente gibt, die ausreichend beständig gegen die kosmische Strahlung sind. Smutny muss außerdem angegeben haben, dass Galileo sowieso keinesfalls „100% EU“ sein kann, weil schon die Atomuhren, das Herz des ganzen Systems, aus der Schweiz kämen. Sein Vorschlag, wesentlich besser erprobte Uhren aus den USA zu nehmen, wurde sofort von der Europäischen Kommission zurückgewiesen.

Smutny ist außerdem der Ansicht, dass das Galileo-Programm in seiner heutigen Form entweder absolut sicher scheitern wird oder sich einer völligen Konzeptänderung unterziehen muss. In dem Gespräch Ende letzten Jahres betonte Smutny, dass OHB alle Lieferverträge ordnungsgemäß, zu den vereinbarten Kosten und innerhalb aller Finanzrahmen erfüllen werde. OHB würde sich aber bereits jetzt darauf vorbereiten, dass die EU alle Gelileo-Verträge kündigt, wenn sie die explodierenden Kosten nicht länger verheimlichen kann.

Solche extrem brisanten Aussagen darf man machen, denn sie sind ja richtig. Es darf aber nicht passieren, dass Dokumente mit diesem Inhalt publik werden. Dann passiert nämlich das:
(Originalzitate der Pressemeldungen von OHB)

14. Januar 2010: „Prof. Manfred Fuchs, Vorsitzender des Aufsichrates der OHB-System AG, gab heute folgende Erklärung zu diesen Veröffentlichungen ab: ‚Herrn Smutny werden unter verschiedenen Aspekten Äußerungen unterstellt, die mit der Philosophie und den Überzeugungen unserer Gruppe unvereinbar sind. … Ebenso liegt mir daran die Haltung der OHB-Gruppe und der Familie Fuchs als überzeugte, vorbehaltlose Anhänger des von der EU initiierten „Galileo“-Projekts ausdrücklich zu betonen. Vor diesem Hintergrund habe ich Herrn Smutny unmittelbar nach Bekanntwerden der WikiIeaks-Dokumente auf Dienstpflicht nach deren Wahrheitsgehalt befragt. Herr Smutny erklärt an Eides statt die ihm unterstellten Äußerungen nicht gemacht zu haben. Ich habe keine Erkenntnisse diese Erklärung in Frage zu stellen. Die OHB-Gruppe distanziert sich nachhaltig von allen Herrn Smutny zugeordneten Aussagen in den WikiLeaks-Papieren und bekennt sich nachhaltig zu „Galileo“, als dem ersten großen Raumfahrt-Infrastrukturprojekt der Europäischen Union. Die OHB-Gruppe wird ihre ganze Kraft und ihr ganzes Können für den Erfolg dieses Vorhabens einsetzen. Der im Januar 2010 an die OHB-System AG vergebene Auftrag zum Bau von 14 Galileo-FOC-Satelliten ist auf Kurs und wird im Zeit- und Kostenrahmen realisiert.'“

17. Januar 2011: „Der Vorstandsvorsitzende der OHB-System AG, Berry Smutny, ist mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben freigestellt worden. Nachdem die Hauptversammlung der Gesellschaft Herrn Smutny das Vertrauen entzogen hatte, beschloss der Aufsichtsrat einstimmig, seine Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden der Gesellschaft zu widerrufen. Dies erfolgte nachdem in den vergangenen Wochen wiederholt Protokolle eines Gespräches zwischen Herrn Smutny und Diplomaten der US-Botschaft in Berlin durch die norwegische Tageszeitung „Aftenposten“ veröffentlicht und kommentiert wurden. Der Aufsichtsrat missbilligt die Gespräche und die Herrn Smutny zugeschriebenen Zitate. Hauptversammlung und Aufsichtsrat sahen keine Alternative zu diesen Schritten, um weiteren Schaden am Unternehmen, bei Kunden, der Politik und der allgemeinen Öffentlichkeit wirksam abwenden zu können.“