Nachruf: Die CeBIT (* 1986, + ca. 2013)

Geschrieben am 1 März 2011  von Gerhard Bauer

Wer es bisher noch nicht gemerkt hat: Die CeBIT ist tot. Was im Jahr 1986 begonnen hat, wird voraussichtlich 2013 oder 2014 enden.

Dass im Navi-Bereich die CeBIT keine Rolle mehr spielt, dürfte mittlerweile jedem klar sein. Aber auch unter den klassischen Computerherstellern (so es sie auf der Messe überhaupt noch gibt) antworten immer mehr, dass schon die Teilnahme in diesem Jahr auf der Kippe stand und man in den nächsten Jahren immer strenger prüfen müsse. Einige sagten uns ganz offen, dass man nur da wäre, weil man schon vor zwei Jahren gebucht hätte und nicht mehr kündigen konnte.

Das Problem der CeBIT: Von der ersten Messe 1986 bis etwa 2005 gab es keine ernstzunehmende Konkurrenz. Mittlerweile braucht aber niemand mehr die Messe, weil man jede Information über neue Produkte und Dienstleistungen in sekundenschnelle im Internet abrufen kann. Ohne Zeitverlust, ohne Übernachtungskosten und hundert Prozent recherchetauglich. Und ein echtes Beratungsgespräch scheitert am engen Terminplan und leider auch regelmäßig an der mangelnden Qualifikation des Standpersonals. Wozu auch auf die Messe fahren, wenn ein Anruf oder eine Email genügen, um sich einen gleichwertigen Gesprächspartner in die Firma kommen zu lassen?

Wenn es auf der CeBIT zwei Themen gibt, die die Aussteller beschäftigen, dann das Ende der CeBIT als Messeveranstaltung und auf dem zweiten Platz die „Cloud“. Die vielfach missverstandene Wolke, bei der Daten ausgelagert werden. Was nur sehr gerne verschwiegen wird, ist, dass Cloud Computing schon seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten verwendet wird. Cloud Computing heißt nichts anderes, als dass Rechen- und Speicherkapazität an einen Dienstleister ausgelagert und dann dynamisch benutzt und abgerechnet wird. Das heißt, ein Unternehmen zahlt immer nur für den Speicherplatz und die Rechenleistung, die es wirklich braucht.

Die Nutzung einer Cloud für Firmen ist zunächst mal definitiv preiswerter als die eigene Vorhaltung der gesamten Infrastruktur. Insbesondere, wenn man die Kosten für eine echte Datensicherung und Ausfallsicherheit einbezieht, ist die Nutzung externer Kapazitäten weit günstiger. Ein nach wie vor ungelöstes Problem ist aber die Datensicherheit: Es ist einfach nicht möglich, die Kommunikation zwischen dem Unternehmen und der Cloud wirklich abhörsicher zu gestalten. Und wie uns die Pentagon-Enthüllungen von Wikileaks oder die Steuersünder-CDs aus Liechtenstein gezeigt haben, gibt es immer einen Unzufriedenen, der Schindluder mit den ihm anvertrauten Daten treiben kann. Mittlerweile weiß man auch den echten Grund, warum das ganze „Cloud“ heißt: Weil mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jemand die Daten klaut.

Davon abgesehen nutzen schon seit zehn Jahren Privatpersonen einfache Versionen der Cloud-Dienste, beispielsweise zum Zwischenlagern von Emails oder als ausgelagerter „Fotospeicher“, damit auch die Verwandschaft in erträglicher Geschwindigkeit darauf zugreifen kann. Jetzt soll dieses Auslagern von Daten auch professionellen Anwendern schmackhaft gemacht werden, und neuerdings auch in der Kombination mit „Rechenleistung“. Das Messethema Cloud Computing ist für IT-Kenner deswegen eigentlich gar keines, auch wenn vor allem die Tageszeitungen gegenteiliges behaupten. Verzeihen Sie diesen „Journalisten“, denn sie wissen wirklich nicht, was sie tun.

„Wir verbinden die Strahlkraft einer internationalen Leitveranstaltung mit dem klaren Profil von vertikalen Angebotsbereichen. Anbieter und Nachfrager werden so optimal zusammengeführt.“

Mit solch sinnlosem Gewäsch bewirbt der Messeveranstalter, die Deutsche Messe AG (100% im Besitz des Landes Niedersachsen, der Stadt Hannover und der Region Hannover), die kläglichen Überreste der CeBIT. Zum Abschied vom internationalen Messegeschäft bemüht sich die CeBIT, in diesem Jahr wenigstens nochmals die ganzen „Beutelratten“ aufs Messegelände zu locken. So werden bei Ausstellern (erkennbar am dunklen Anzug, Asiaten und Amerikaner erkennt man am Messestand-einheitlichen Polohemd) und professionellen Messebesuchern (erkennbar am dunklen Anzug, nur Asiaten und Amerikaner erkennt man am einheitlichen Jetlag) die Sammler und Jäger genannt, die von Informationstheke zu Informationstheke ziehen mit den Worten „Gibt’s bei Ihnen Pins oder Kugelschreiber? Oder Luftballons?“. Gerüchteweise wurde vor Jahren versucht, derartige Devotionalien containerweise vor den Messeeingängen auszuschütten, um die Beutelratten am Betreten des Geländes zu hindern, der Versuch kann aber nicht erfolgreich gewesen sein. Nicht weniger beliebt sind auch Faltkartons für Prospekte im Handydesign, der bestimmungsgemäße Gebrauch scheitert aber mittlerweile am Fehlen gedruckter Prospekte.

Wie gesagt, momentan will man die Privatbesucher wieder auf der Messe haben. Vor drei Jahren war das noch ganz anders, da wollte man den Fachbesucheranteil deutlich steigern. Als Fachbesucher gilt jeder, der sich eine kostenlose Eintrittskarte schenken lässt oder eine Computerzeitschrift mit eingeklebter Eintrittskarte kauft.

Dem Einbruch bei den Besucher- und Ausstellerzahlen konnte auch das nicht entgegen wirken, so dass jetzt auch wieder offiziell die Beutelratten angelockt werden – mit Sonderveranstaltungen a la CeBIT Life („der neue Treffpunkt für professionelle Anwender und hightech-begeisterte Konsumenten“) in genau zwei Hallen, wobei in einer Halle zusätzlich die „Musikmesse CeBIT Sounds“ und in der anderen exklusiv die „Intel Extreme Masters“ (ein internationales Wett-Computer-Spielen), stattfinden. Ein Schelm, wer denkt, dass Intel die Halle kostenlos bekommt, weil es der Messegesellschaft vorrangig auf die Eintrittszahlen ankommt und weil die Halle sonst leer stehen würde.

Die Probleme der CeBIT lassen sich schnell zusammenfassen: Das Internet (total verpennt), die konkurrierende jährlich stattfindende Internationale Funkausstellung in Berlin (total verpennt), die Spielemessen Gamescom und Amicom (total verpennt) und der kurz vor der Messe stattfindende Mobile World Congress in Barcelona, der von der Deutschen Messe AG ebenfalls total verpennt wurde.

Wir werden noch ein paar CeBITs sehen. Aber sehr bald werden nur noch sechs oder sieben Hallen geöffnet und dann gar keine mehr. Irgendwie schade.