Finanzdesaster bei TomTom

Geschrieben am 25 Juli 2011  von Gerhard Bauer

Der niederländische Navi-Hersteller TomTom musste mit dem Finanzbericht zum zweiten Quartal 2011 abermals einen unvorhergesehenen Einbruch eingestehen: Die Umsätze gingen um 13 Prozent zurück, aber aufgrund einer finanztechnischen Abschreibung muss TomTom einen Quartalsverlust von 489 Millionen Euro in diesem Quartal verbuchen.

Nach einem Bieterwettstreit mit dem amerikanischen Mitbewerber Garmin hat TomTom im ersten Halbjahr 2008 den Kartenhersteller Tele Atlas übernommen – für einen Kaufpreis von 2,9 Milliarden Euro. Nach der letzten Wertkorrektur – es war nicht die erste – steht Tele Atlas nur noch mit einem Wert von 1,2 Milliarden Euro in der Bilanz.

Der Umsatzrückgang hat TomTom kalt erwischt, denn eigentlich haben das zweite und das vierte Quartal den Navi-Herstellern in der Vergangenheit besonders große Umsätze beschert, während das dritte und ganz besonders das erste deutlich hinter den Durchschnittswerten zurückblieben. Auch weil TomTom angeblich im zweiten Quartal besonders viel Geld ins Marketing gesteckt hat, ist der operative Erlös auf 18 Millionen Euro zurückgegangen.

Am schlimmsten war natürlich der Rückgang im Navi-Consumergeschäft, also das Kernbusiness von TomTom: Hier reduzierten sich die Umsätze um 23 Prozent auf 209 Millionen Euro. Die beiden anderen Geschäftsbereiche „Automotive“ und „Business-Solutions“ (ehemals Work) wuchsen auf sehr niedrigem Niveau und konnten die Consumer-Verluste deswegen nicht kompensieren. Die Auto-Festeinbauten stiegen um 34 Prozent (verglichen mit dem zweiten Quartal 2010) auf 60 Millionen. Die Business-Solutions krebsen nach wie vor auf homöpathischem Niveau und brachten 14 Millionen Euro Quartals-Umsatz, was einen extrem enttäuschenden Jahr-zu-Jahr-Anstieg um 12 Prozent darstellt.

Bemerkenswert ist der Ausblick auf das restliche 2012 im Geschäftsbericht: „Der Markt für Consumerelektronik war schwach… Navi-Verkäufe sind zurückgegangen und wir erwarten, dass sich dieser Trend in der zweiten Jahreshälfte fortsetzen wird.“ Leider schreibt TomTom nirgendwo, wie man diesem Trend entgegenwirken will.

Die PC-Verbindungssoftware „MyTomTom“ bietet sogar zwei Jahre nach ihrer ersten Vorstellung nur einen Teil der versprochenen Funktionalität. Was im April 2009 als Community- und Profit-Center versprochen wurde, existiert nicht mal annähernd: Eigentlich sollten Programmierer eigene Zusatzprogramme für die Live-Geräte entwickeln können, mit denen dann TomTom und die Programmierer Umsätze generieren sollten. Warum TomTom für die auf Android basierenden aktuellen Modelle seit zwei Jahren nichts mehr auf die Reihe bringt, und von den einstigen Zielen weiter entfernt ist als je zuvor, wissen wahrscheinlich nicht mal die Niederländer selbst. Scheinbar können sie es nicht, damit sollten sich die Aktionäre jetzt abfinden. Nun sollte es aber wichtiger als je zuvor sein, weitere Smartphone-Versionen der TomTom-Software (und damit des Kartenmaterials) auf den Markt zu werfen.

TomTom hatte mal die beste Navigationssoftware: Absolut intuitiv zu bedienen, extrem schnell und überaus zuverlässig. Die intuitive Bedienbarkeit ist passe. Die hohe Geschwindigkeit ist ebenfalls vorbei, meist muss man bei Adresseneingaben auf das Navi warten, und das ist eigentlich ein KO-Kriterium. Die heutigen Versionen sind nicht mal mehr zuverlässig, weil die allem Anschein nach billigst zusammengeschusterte Hardware die Software nicht mehr richtig unterstützt.

Es wird Zeit, dass TomTom sich aufrappelt, um zu retten, was zu retten ist. Die Firma und die früheren Produkte wären es wert. Wir befürchten aber immer mehr, dass das heutige Management dieser Aufgabe nicht gewachsen ist.

Wie oben beschrieben ist die Kartenabteilung Tele Atlas laut TomTom noch 1200 Millionen Euro wert. Das überrascht, denn ganz TomTom einschließlich Tele Atlas wird an der Börse mit aktuell 780 Millionen Euro gehandelt. Bis zur nächsten Wertkorrektur wird es deswegen nicht lange dauern. Und Unternehmen, die gerne das Tele Atlas-Kartenmaterial nutzen würden – ohne den ganzen TomTom-Krimskrams – gibt es genug. Dahingehend ist TomTom ein absolutes Schnäppchen – wenn Sie Google oder so heißen.